Frau Meier ist überfordert. Überall spricht man von individueller Förderung. Doch was bedeutet das überhaupt konkret? Wie soll sie das umsetzen bei so vielen verschiedenen Schülerinnen und Schüler?

„Die Voraussetzung, um Schülerinnen und Schülern die bestmöglichen Zukunftschancen zu eröffnen, ist die individuelle Förderung entsprechend ihren Begabungen und Möglichkeiten.“ 
(KMK 2016)

Den obigen Leitsatz für die Gestaltung des Unterrichts in der Grundschule wird wohl kaum eine Lehrperson in Frage stellen. Gleichwohl stellt seine Umsetzung die Lehrpersonen vor eine große Herausforderung. Dabei treten viele Fragen auf:

Auf dieser Seite sollen die obigen Fragen geklärt werden. Zunächst wird darauf eingegangen, was überhaupt unter diagnosegeleiteter Förderung zu verstehen ist.

Was ist überhaupt unter diagnosegeleiteter Förderung zu verstehen und welche Möglichkeiten der Umsetzung gibt es? 

Individuelle Förderung ist, wie der Name schon sagt, eine Förderung, die speziell auf das einzelne Kind und seinen individuellen Lernstand und Lernbedarf angepasst ist. Dafür muss man natürlich zunächst den individuellen Lernstand des Kindes kennen. Das bedeutet, dass ohne eine intensive Beobachtung und genaue Diagnose keine individuelle Förderung möglich ist (vgl. Paradies, Linser et al. 2014, S. 15). 

Diagnose und Förderung stehen somit in einem untrennbaren Zusammenhang. Förderung ist ohne eine vorangehende Diagnose nicht möglich bzw. nicht passgenau für den einzelnen Schüler. Anderseits entwickelt sich aus einer Förderung ein neuer Lernstand, der wiederum diagnostiziert werden muss, um eine weitere Förderung oder die Planung weiteren Unterrichts zu ermöglichen. Dies lässt sich als eine Art Kreislauf beschreiben:

Diagnosegeleitete Förderung kann somit als eben dieser Kreislauf bestehend aus fortwährender Diagnose und darauf adaptiv angepasste Förderung bzw. adaptiv gestalteten Unterricht verstanden werden. Im Folgenden wird auf konkrete Umsetzungsmöglichkeiten für Diagnose und Förderung jeweils einzeln eingegangen. 

Was ist in Bezug auf die Diagnose zu beachten?

Es gibt vielfältige Methoden zur Erhebung des Lernstandes eines Kindes. Diese können eher ergebnisorientierte Methoden sein. Hierunter fallen schriftliche Arbeiten, Lernkontrollen oder Tests, die häufig erst am Ende der Behandlung eines Themas durchgeführt werden. Leistungsfeststellung im klassischen Rahmen bspw. durch eine Klassenarbeit haben durchaus ihre Berechtigung. Es ist im Hinblick auf diagnosegeleitete Förderung jedoch sinnvoll, diese Formen der Leistungsfeststellung durch prozessorientierte Möglichkeiten zu ergänzen. 

Unter prozessorientierten Methoden der Diagnose werden solche verstanden, die auch Lernentwicklungen vor oder während der Behandlung eines Themas in den Blick nehmen. Durch den Lernprozess begleitende Diagnosen erhält man die Möglichkeit, den Unterricht an den Lernstand der Klasse anzupassen, individuelle Förderbedarfe einzelner Kinder rechtzeitig ausfindig zu machen und entsprechend intervenieren oder sogar frühzeitig Problemen vorbeugen zu können. 

Prozessorientierte Methoden der Leistungsfeststellung sind beispielsweise Standortbestimmungen und der Mathebriefkasten. Diese können flexibel zu frei wählbaren Zeitpunkten im Unterrichtsverlauf eingesetzt werden, um auch im Lernprozess Einblicke über den Lernstand der Kinder zu erhalten. Zudem sind sie leicht im Unterrichtsgeschehen zu ritualisieren, so dass sie den Unterrichtsverlauf nicht unnötig stören oder unterbrechen.

Auf der Seite Leistungen feststellen werden weitere Möglichkeiten der prozessorientierten Leistungsfeststellung beschrieben. Ideen für Standortbestimmungen (inkl. zugehöriger Fördervorschläge) zu verschiedenen Themen können Sie im Material ‚Natürliche Zahlen’ des Projekts ,Mathe sicher können' finden.

Unabhängig davon, zu welchem Zeitpunkt eine Diagnose durchgeführt wird, sind die gewählten Aufgaben von entscheidender Bedeutung dafür, welche Informationen eine Lehrkraft durch sie über den Lernstand einzelner Kinder erhalten kann. 

Betrachten wir noch einmal das Eingangsbeispiel. Frau Meier thematisiert mit ihrer Klasse das 1+1. Durch die Beobachtung der Kinder ihrer Klasse in Arbeitsphasen hat sie festgestellt, dass die Kinder auf ganz unterschiedlichem Niveau arbeiten. Um diesen Eindruck zu spezifizieren und mehr über den Lernstand der Kinder zu erfahren, nutzt sie nun die Methode des Mathebriefkastens. Alle Kinder sollen eine vorgegebene Aufgabe bearbeiten und ihre Bearbeitung in den Briefkasten einwerfen. Frau Meier überlegt, welche Aufgabe sie wohl am besten wählen sollte.

 Eigenaktivität
Welche der folgenden drei Aufgaben würden Sie wählen, um sich einen Überblick über die verschiedenen Lernstände in Ihrer Klasse zu verschaffen? Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich vom Einsatz der verschiedenen Aufgaben?
 



 

Die Aufgabenwahl ist ausschlaggebend dafür, welche Information ich im Rahmen einer Diagnose erhalten kann. Grundsätzlich sollten vorzugsweise sogenannte informative Aufgaben verwendet werden, aus denen die Lehrkraft nicht nur erfährt, ob ein Kind zum richtigen Ergebnis kommt, sondern auch Aufschlüsse über Vorstellungen und Rechenwege der Kinder erhält, denn gerade die Vorstellungen und Lösungswege der Kinder sind für die Entwicklung von Förderansätzen relevant. Nähere Informationen zu informativen Aufgaben finden Sie unter Leistungen feststellen. Auf unserer Partnerseite Mathe inklusiv finden Sie zudem Hinweise zur Auswahl von Diagnoseaufgaben.

Prozessorientierte Leistungsfeststellungen oder Diagnosen können aber auch in informelleren Situationen stattfinden. So können beispielsweise Schülerbeobachtung oder Schülergespräche wertvolle Informationen über den Lernstand und Vorstellungen eines Kindes und somit Ansatzmöglichkeiten für eine individuelle Förderung liefern. Beispielsweise kann im Gespräch die Frage nach dem Rechenweg eines Kindes Aufschluss darüber bringen, wie das Kind eine Aufgabe gelöst hat, wenn dies allein auf Grundlage eines schriftlichen Dokuments nicht erkennbar ist. 

Neben der Nutzung prozessorientierter Methoden der Leistungsfeststellung ist es wichtig auch die Schüler selbst in die Diagnose mit einzubeziehen. Hierzu eigenen sich beispielsweise Lerntagebücher oder auch Selbsteinschätzungsbögen.Den Kindern wird hierdurch auch eine Transparenz über die Erwartungen, die an sie gestellt werden gegeben. Sie sollen so zunehmend über ihr Lernen nachdenken und ihren eigenen Lernstand einschätzen (vgl. Sundermann & Selter 2006). 

Ergänzend sollten die Kinder ein informatives Feedback zu den erbrachten Leistungen durch die Lehrpersonen erhalten (beispielsweise beim Kindersprechtag oder durch schriftliche Rückmeldungen sowie Rückmeldebögen, die durch die Möglichkeit zur Selbsteinschätzung ergänzt werden können). Insgesamt sollen die Kinder lernen, dass die Lehrperson ihr Lernbegleiter ist und auch sie selbst Verantwortung für ihren Lernprozess tragen. Diagnose und Förderung wird somit zur gemeinsamen Aufgabe von Schülern und Lehrpersonen. Nähere Informationen und Beispiele hierzu finden Sie unter Leistungen rückmelden (Schüler einbeziehen)). 

 

Wie kann eine diagnosegeleitete Förderung aussehen?

Nach einer durchgeführten Diagnose sind sinnvolle Maßnahmen zur Förderung zu wählen. Zum einen ist eine individuelle Förderung einzelner Kinder möglich. Dies kann sowohl in 1-zu-1-Situationen geschehen, als auch in Kleingruppen von Kindern mit ähnlichen Problemen oder Stärken – denn auch Begabtenförderung ist Aufgabe der Lehrkräfte, um Kindern die besten Zukunftschancen zu eröffnen (siehe hierzu auch Leistungsstarke Kinder). 

In entsprechenden Fördersituation ist insbesondere bei Problemen oder Verständnisschwierigkeiten der Einsatz von geeigneten Veranschaulichungen von enormer Bedeutung. Nähere Informationen hierzu finden Sie unter Materialeinsatz

Weiter kann es sinnvoll sein, festgestellte Probleme oder besondere Rechenwege von Kindern mit der gesamten Klassengemeinschaft zu besprechen. Bezogen auf das kleine 1+1 können einzelne Kinder z. B. ihre Rechenwege an der Tafel vorstellen. Handlungsbegleitend werden diese mit Material durch die Lehrkraft veranschaulicht. Von einer solchen Vorgehensweise profitieren nicht nur Kinder, die Schwierigkeiten haben. Auch die anderen Kinder werden so dazu angeregt, über die Besonderheiten nachzudenken, Rechenwege zu hinterfragen und dabei Wissen zu erweitern, zu vertiefen und zu vernetzen. Durch die gemeinsame Erarbeitung und Begründung von tragfähigen Lösungswegen werden auch prozessbezogene Kompetenzen gefördert. 

Weitere Ideen wie eine weitere Förderung in Bezug auf die Entwicklung von verschiedenen Rechenstrategien beim kleinen 1+1 aussehen kann, finden Sie auf der Seite Strukturiertes Üben. Auch die Seite Gestütztes Üben liefert wichtige Informationen zum möglichen Aufbau einer unterrichts- oder Fördersequenz. Dabei wird auch die Rolle der Übungsmatrix thematisiert und es wird deutlich, wie die Nutzung von Material (gestütztes Üben) im Zusammenhang mit der Nutzung von Strukturzusammenhängen in Aufgaben stehen (Die Seite Gestütztes Üben bezieht sich auf die Thematisierung des kleinen 1x1, gleichwohl sind die Ausführungen auf die Erarbeitung des kleinen 1+1 übertragen werden.).

Nicht nur bei der Diagnose, sondern auch in Fördersituationen – egal in welcher Form sie gestaltet werden – ist die Aufgabenwahl von enormer Wichtigkeit. Diagnosegeleitete Förderung bedeutet nicht, die Kinder wahllos Aufgaben in einem Förderheft abarbeiten zu lassen. Es spricht zwar grundsätzlich nichts dagegen Aufgaben aus einem Förderheft auszuwählen, jedoch sollte dies gezielt im Hinblick auf den festgestellten Lernstand des Kindes und das jeweilige Förderziel geschehen. Auf unserer Partnerseite Mathe inklusiv finden Sie Hinweise zur Auswahl von Förderaufgaben.

Förderansätze zu verschiedenen Themen (zu denen auch Standortbestimmungen zur Verfügung stehen, siehe Absatz Was ist in Bezug auf die Diagnose zu beachten?) können Sie im Material ‚Natürliche Zahlen’ des Projekts ‚Mathe sicher können’ finden.

Wie kann ich jedes Kind individuell und diagnosegeleitet fördern und dabei trotzdem noch den Unterrichtsstoff bewältigen? 

Unterricht nach dem Leitprinzip der diagnosegeleiten Förderung aufzubauen, bedeutet wie eben geschildert nicht, dass dieser nur noch aus Phasen der Diagnose und Einzelförderung besteht – auch wenn diese in bestimmten Fällen sinnvoll sind. Wie oben geschildert, kann die Förderung auch in die Großgruppe getragen werden, wovon nicht nur die Kinder mit Problemen profitieren. 

Es ist auch nicht erforderlich für jedes Kind gesonderte Arbeitsaufträge zu erstellen. Bei der sogenannten ‚natürlichen Differenzierung’ wird auf eine ganzheitliche Erarbeitung von Themen gesetzt, bei der sich verschiedene Schwierigkeitsgrade aus der Sache heraus ergeben. Während die Kinder frei arbeiten, können Sie mit einzelnen Kinder oder einer Kleingruppe zusammenkommen. Sie haben so die Möglichkeit, Diagnosen zu verschärfen oder aber Fördersequenzen durchzuführen. Nähere Informationen hierzu finden Sie auf der Seite Heterogenität. Auch auf unserer Partnerseite PIKAS finden Sie Informationen zum Thema Heterogene Lerngruppen, konkrete Unterrichtsanregungen bezogen auf den Arithmetikunterricht in der Schuleingangsphase sowie Gute Aufgaben für weitere Inhaltsbereiche

Was muss eine Lehrkraft können, um diagnosegeleitete Förderung umzusetzen?

An dieser Stelle soll noch einmal gebündelt aufgeführt werden, was konkret zu berücksichtigen ist, bzw. was Sie alles wissen müssen, um diagnosegeleitete Förderung erfolgreich in Ihren Unterricht zu integrieren. Zu jedem Punkt werden direkt Verweise auf entsprechende Informationsmöglichkeiten gegeben.

 

Weitere Anregungen

Weitere Anregungen zum Thema „Diagnosegeleitete Förderung“ finden Sie auf unserer Partnerseite ‚Mathe inklusiv’.